Sunday, May 07, 2006

Back Link Die Reise, die mein Leben veränderte

christine from luebeck, germany

Die Reise, die mein Leben veränderte, begann in einer warmen Sommernacht des Jahres 1986 auf dem Hamburger Hauptbahnhof. Einen Tag zuvor war ich von einer fünfwöchigen Reise durch die USA nach Hamburg zurückgekehrt, hatte in wahnsinniger Eile umgepackt, umsortiert, meine Wohnung kurz angesehen – nun stand ich mit dreißig anderen Studenten der russischen Sprache (und meinen Eltern, die sich liebevoll für weitere vier Wochen von mir verabschiedeten) auf Bahnsteig 13 und wartete auf einen D- Zug, der uns über Hannover nach Westberlin bringen sollte. Dort kamen wir am nächsten Morgen sehr früh an und fuhren nach Ostberlin weiter.


Wir fuhren nach Ostberlin weiter … das klingt einfach, war aber vor dem Fall der Mauer eine schwierige Angelegenheit, die mehrere Stunden in Anspruch nahm. Endlose Kontrollen, Befragungen, Warteschlangen waren zu überstehen. Ich hatte besonderes Herzklopfen, als ich meinen Reisepass vorlegte, denn für die Reise in die USA und die jetzige Reise hatte ich zwei verschiedene Pässe. Warum? Ich hätte zwar mit einem Pass, der ein Visum für die USA enthielt, in die Sowjetunion einreisen dürfen, aber mein Visum für die Sowjetunion hätte meine Einreise in die USA unmöglich gemacht … Schließlich war alles überstanden und wir durften einen Zug besteigen, der uns letztlich nach Kiew bringen würde – vor zwanzig Jahren Hauptstadt der Sozialistischen Ukrainischen Sowjetrepublik, Teil der Sowjetunion. Von Kiew aus sollte es weitergehen nach Simferopol, einer Stadt, die ungefähr im Zentrum der Krimhalbinsel am Schwarzen Meer liegt.

Schon kurz nachdem wir aus Ostberlin abgefahren waren, kam das erste Erstaunen: ist Polen so nah? Nur eine Stunde von Berlin entfernt? Und Warschau? So viel näher als München oder Stuttgart! Schlagartig wurde uns klar, welch verzerrte Landkarte Europas der kalte Krieg in unsere Köpfe gezeichnet hatte. Die Landschaft veränderte sich kaum, blieb ländlich, hügelig, weich – und plötzlich war es die Sowjetunion, die in der Ferne lag.

Brest! Aussteigen, die Räder der Eisenbahn werden in Handarbeit auf russisches Maß zusammen geschoben und -geschraubt, es ist mitten in der Nacht, Passkontrolle, Erschöpfung. Fröhliche junge Russen helfen uns, Koffer und Taschen über die Gleise zu tragen, ein Akkordeon, eine Gitarre erklingen, wir sind wieder im Zug und können nach 24 Stunden endlich richtig schlafen.

Am Nachmittag wache ich auf, der Zug fährt ganz langsam durch dichten Wald und feuchte Wiesen, es ist ganz still und sehr schön. Kein Dorf, kein Haus, kein Mensch sind zu sehen, nur große Weite ringsum.

Nach weiteren sechsunddreißig Stunden Zugfahrt erreichten wir Simferopol, dessen Universität wir vier Wochen lang besuchen sollten, um Russisch zu lernen und viel über die Sowjetunion zu erfahren. Simferopol war eine Stadt, die für Touristen aus dem Westen eigentlich gesperrt war, wir waren die einzigen Menschen aus dem Westen, die sich dort aufhielten. Die Schönheit der Stadt mit großen Parks, ruhigen, schattigen Straßen und vielen Jugendstilhäusern, die Freundlichkeit der Menschen – das alles hat sich mir tief eingeprägt. Und das Tempo, mit dem sich unsere ursprüngliche Unbeholfenheit im täglichen Leben legte. Wir lernten ganz schnell, uns anzustellen, wenn irgendwo eine Schlange war, immer mindestens zu zweit einzukaufen (einer wartet, einer guckt, was es an den anderen Ständen gibt) und nie zu planen, was wir essen wollen, sondern zu kaufen, was es gibt und dann zu improvisieren.

Das erstaunlichste an der Reise war aber – und darum hat sie mein Leben verändert, dass ich jeden Tag aufs Neue damit konfrontiert wurde, wie massiv meine Vorstellungen vom Leben hinter dem eisernen Vorhang durch Ideologie beeinflusst waren. War es nicht zwangsläufig ein schreckliches Leben? Voller Not und Sorgen? Ich erlebte es anders: … die Menschen, ihre Sorgen und Freuden unterschieden sich überhaupt nicht von uns – nur das System, in dem sie lebten, war anders. Natürlich machte sich unsere Lehrerin Sorgen um ihre beiden Kinder, wenn sie nicht wie verabredet in der Mittagspause vorbeikamen, natürlich sahen wir sonntags Familien in die Berge wandern, mit Rucksäcken fürs Picknick bepackt, natürlich wurde im Schwarzen Meer genauso gebadet wie an der Ostsee und am Strand wurde gefeiert. Und die Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit uns gegenüber! Wann immer bemerkt wurde, dass wir Deutsche waren, wurden wir mit den letzten Brocken unserer Sprache herzlich angesprochen. Häufig waren es ehemalige Kriegsgefangene, die uns auf das freundlichste anreden, so dass ich mich manchmal richtig schämte, weil ich daran denken musste, was für schreckliches Leid die Deutschen gerade auch über die Russen und Ukrainer gebracht hatte. Diese Erlebnisse waren das Spannendste und Aufregendste an der Reise – ich kam tatsächlich verändert nach Hamburg zurück.

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